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Interview mit Marlin Watling

Autor von "Natürlich Übernatürlich"

 

Marlin, erzähl uns kurz etwas über Dich

 

Ich erblickte 1976 als deutsch-englische Ko-Produktion das Licht der Welt in Freudenstadt. Nachdem ich in Sinsheim aufgewachsen bin, habe ich meinen Zivildienst in New York City verbracht, dort meine Frau Carla kennengelernt und kam zurück nach Deutschland. Wir sind damals in die Vineyard Speyer gekommen und haben uns wie zu Hause gefühlt. Während dieser Zeit habe ich Psychologie an der Uni Heidelberg studiert und angefangen in einer Software-Firma zu arbeiten. Dort bin ich heute noch, wir haben 3 Kinder und haben 2004 die Vineyard in Heidelberg gegründet.

 

Wie kommt ein Vertreter der „zweiten Generation“ dazu, ein Buch über die Geschichte der Vineyard-Bewegung zu schreiben?

 

Beim ersten „Vineyard-Kennenlernen-Kurs“ in Heidelberg habe ich über die Anfänge der Vineyard gesprochen: Die Hippies. Die Jesus People Bewegung. Die sozialen Veränderungen. Lonnie Frisbee. Und die Suche, das Reich Gottes in diese Gegenkultur zu bringen. Die Leute waren geblättet von diesen Wurzeln. Mein guter Freund Daniel fragte mich, ob es dazu ein Buch gäbe. Ich kannte keins und habe dann angefangen, für unseren Info-Flyer in der Gemeinde ein paar Geschichten aufzuschreiben. Da gab es dann plötzlich so viel gute Geschichten zu erzählen, dass ich immer mehr hatte. Dann habe ich mich gefragt, ob nicht noch ein paar andere Leute profitieren würden, wenn ich die Geschichte weiter schreibe und wir ihnen das zum Kennenlernen schenken. 

 

Was hat Dich bei Deinen Recherchen zu dem Buch überrascht?

 

Zuerst hat mich äußerst gefreut, dass John Wimber und seine Frau mit ihren 40 Jahren in ihrer ersten Gemeinde bei 60 Teilnehmern mit Abstand die ältesten waren. In meiner Gründung in Heidelberg hatten wir sehr viele junge Leute. Manchmal hat mich das verunsichert und diese Zwischenzeile war wie Balsam auf meine Seele.

Dann hat mich überrascht, dass von wirklicher Power Evangelisation nicht so viel flächdenkend passiert ist, wie man das vermutet hätte. Die Vineyard steht im Alltag und obwohl die Konferenzen dankbar angenommen wurden, muss es nicht immer spektakulär sein. Es kann natürlich. Mich hat beeindruckt, dass die Vineyard wirklich einen theologischen Fokus hat, der superzentral ist und nicht nur von Highlights bestimmt wird. Auch die Geschichten über die zweite Generation waren so ermutigend für mich. Da passiert so viel, wenn auch nicht mit dieser Medienpräsenz. In der Vineyard geht es tatsächlich ums Reich Gottes und den Dienst Jesu zu tun. Das war sehr eindrücklich.

 

Viele Menschen in der Vineyard hatten die unterschiedlichsten Gemeindegeschichten vor der Vineyard. Du ja auch. Was macht die Vineyard zu einem solchen „geistlichen Schmelztiegel“?

 

Ich glaube, die Menschen sind auf der Suche nach dem Echten: Wo Taten und Worte zusammen passen. Manche sehen, dass bei Vineyard ihre Hoffnungen auf eine gelebte Realität treffen. Andere haben vielleicht andere Ideale oder sehen sich wo anders bestätigt. Mich hat überrascht, wie häufig die Menschen bei Vineyard von „heimkommen“ reden. Jemand sagte in einem Interview: „Vineyard wirst du nicht – du findest raus, dass du es schon lange bist“. Das hört sich vielleicht nach übertriebener Vereinsmeierei an. Aber was damit gemeint ist, dass es hier um einen Lebensstil der natürlichen Hingabe an Jesus geht, die etwas Echtes hat. Ich traf kürzlich einen Freund, der in einem andere Verband leitend wirkt und er meinte: „Was ihr lebt, ist so wie wir uns das wünschen würden“. Solange das so bleibt, kann sich die Vineyard freuen. Hoffentlich müssen wir das nicht mal über andere Bewegungen sagen.

 

Beim Lesen Deines Buches hat man das Gefühl, dass die Geschichte von John Wimber und die ersten 10-12 Jahre der Bewegung der spannendste Teil sind. Was ist heute noch spannend an der Vineyard?

 

Alles. Die Genetik der Vineyard ist wie eh und je. Da hat sich nichts verändert. Und mit dem Alter kommt Weisheit und Power. Viele der teuren Fehler wurden gemacht und mich beeindruckt, dass wir beständig lernen. Die Vineyard ist nicht mehr so „neu“ wie am Anfang, nicht mehr so geprägt von den überragenden Persönlichkeiten. In fast allen Gemeinde erlebe ich, wie einfache Menschen anfangen, mit dem Reich Gottes in ihrem Alltag zu rechnen. Im Buch habe ich versucht zu zeigen, dass wir wieder in einer radikalen Veänderung in der Gesellschaft stehen mit der Ankunft der Postmoderne, Verstädterung, Globalisierung und digitalen Revolution. Die Vineyard ist aus so einem Umbruchsmoment in der Hippie-Zeit entstanden und steht jetzt vor der Chance, die Realität von Gottes Reich in diese neuen Lebenswelten zu tragen. Das ist nichts für Nostalgie. Sehr spannend.

 

 

Hand aufs Herz: Gibt es so etwas wie einen „Gründer-Kult“ oder eine „Verehrung“ des Kirchenvaters John Wimber?

 

Nein. Viele Menschen waren von Wimber nachhaltig beeindruckt. Diese bodenständige Erwartung des Übernatürlichen war für die Menschen schockierend. Diese Ehrlichkeit und Radikalität. Er hat echt mit Gott gerechnet. Das tun nicht viele (vor allem Leiter). Ich habe etliche Leute gesprochen, die John auf den ersten Konferenzen in Frankfurt erlebt haben. Die haben glühende Augen bekommen, als sie von den Erfahrungen gesprochen haben – nach 20 Jahren. Das hat in ihnen ein Ideal bewirkt, dem sie heute noch folgen. Ich glaube, er war einfach ein sehr außergewöhnlicher Mensch. Viele seiner Sprüche treffen den Kern von dem, was wir erleben und denken. Aber ich glaube, die Leute sehen auch genug Menschliches, wie Trennungen, Richtungswechsel oder Konflikte, um ihm keinen Heiligenschein zu verleihen. Er hat das auch nicht verheimlicht, daher finde ich es ungemein ermutigend.

 

Was ist das Vermächtnis von John Wimber für die Generation-@?

 

Die Erwartung von Gottes Gegenwart und Kraft. Ich bin gerade kürzlich über ein Video auf Youtube gestossen, wo John eine Ministry-Zeit beginnt: „Wenn man ein Wunder tun will fängt das mit Gehorsam an. Das Hören auf Jesus ist der Anfang. Und dann tun, was er dir sagt. Klar?! Es ist das Gehen mit Jesus. Und es braucht allen Mut, den du hast. Jedes Mal!“. Das hat mich total bewegt. Diese Bereitschaft zum Risiko. Dieses Erwarten, dass Gott tatsächlich wirkt. Wenn wir das in unserer Generation verkörpern, könnte man von einem guten Vermächtnis sprechen.

 

http://www.youtube.com/watch?v=yC1kIC0SX1U

 

Was hat Dich dazu gebracht, selbst eine Vineyard-Gemeinde zu gründen?

 

Meine Frau und ich waren 5 Jahre in der Vineyard Speyer, hatten aber unseren Lebensmittelpunkt in Heidelberg. Wir hatten Freunde, denen wir gerne eine solche tolle Gemeinschaft gezeigt hätten. Da war Speyer zu weit. Uns reizte der Schlag von Menschen in Heidelberg: Jung, offen, rebellisch. Also haben wir mit ein paar Freunden einen Hauskreis gegründet und daraus ist die Gemeinde entstanden. Es war ein emotionales Hoch und Tief. Letzte Woche war ich in einem Hauskreis, wo jemand über eine schwierige Zeit im Glauben geredet hat. Als wir für die Person beteten meinte eine andere Person, die sonst äußerst still ist und sich kaum an Gebeten beteiligt: „Du, ich hatte das Gefühl, Gott sagt dir…“ Das Reich Gottes kommt – für normale Menschen. Das lohnt sich und wird sich weiter lohnen.

 

Deutschland ist ja nicht gerade das Land der Gemeindegründungen. Wird die Vineyard etwas daran ändern?

 

Ja. Ein Freund hat mit gerade ein Buch von Wolfgang Weimer, dem Chefredakteuer des Polit-Magazins Cicero empfohlen: Credo – warum die Rückkehr der Religion gut ist. Darin schreibt er: „Das 21. Jahrhundert wird ein Zeitalter der Religion. Gott kehrt zurück, und zwar mit Macht“. Da ist ein großer deutscher Journalist, der mit allen intellektuellen Größen spricht und ein anspruchsvolles Publikum bedient. Und er spricht von Rückkehr zu Gott und den positiven Auswirkungen.

 

(Am Ende des Intervies findet sich ein Zitat von Wolfgang Weimer)

 

Ich glaube, dass wir eine neue Hinwendung zu Gott erleben werden. Wir haben diesen direkten Zugang zu Gott in den Grundfesten von Vineyard verankert. Wir legen Wert auf ein Leben, das sich mit dem Reden deckt. Und wir wollen Menschen nicht gleich machen, sondern lieben alle, wie sie kommen. Es wird schwer, das aufzuhalten. Neue Gemeinden werden entstehen, da bin ich ganz sicher.

 

Wie heißt Dein nächstes Buch?

 

Wer weiß. Ich habe keine Pläne. Momentan arbeite ich mit einem Freund an einem Projekt (Nordstern), wo wir uns fragen, wie das Leben für Jesus als Information Worker aussieht. Wenn du die ganze Zeit online bist und Arbeit keine Grenzen hat – wie dienst du da Jesus? Wie liebst du ihn mit Outlook? Vielleicht kommt da was dabei raus. Muss ja nicht ein Buch sein. Ein Blog hat auch seine Vorzüge: http://siyach.wordpress.com/

 

Vielen Dank Marlin, und weiterhin viel Erfolg!

 

Das Interview führte Gerhard Laqua

 

Zitat von Wolfgang Weimer

„Wir haben uns geirrt, als wir behaupteten, die Menschen könnten ohne Religion auskommen. … Die große Mehrheit der Menschen braucht Transzendenz. Deshalb sollte man die Religion nicht bekämpfen. Es gibt ganz offensichtlich jene urwuchtige spirituelle Kraft, die aus der Tiefe des menschlichen Wesens gespeist wird. Man kann es auch Heimweh nach Gott nennen. Dieses Heimweh wird stärker. Vielleicht wird der Mensch des 21. Jahrhunderts wieder Mystiker, … vielleicht wird der Religiöse der eigentliche Revolutionär unserer Zeit.“

Link: http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&item=1316

 

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