Bekennende Christen lassen sich nicht einfach verführen!

 

Gedanken zu gegenwärtigen politischen Entwicklungen

 

Martin Bühlmann, Leiter der Vineyard Bewegung Deutschland, Österreich, Schweiz

 

 

Mit diesem Artikel möchte ich auf die wachsende politische Verunsicherung unter Menschen hinweisen, die sich als bekennende Christen verstehen. Wie orientieren sie sich politisch? Wie gehen sie mit dem wachsenden Populismus und Nationalismus um? Wie können wir aus der Geschichte lernen? Es geht mir dabei nicht um die Frage einer rechten oder linken Politik, sondern um die Frage, in welcher Form ein bekennender Christ von einem Reich-Gottes- Verständnis her seine sozialen und politischen Überzeugungen ableitet.

 

Es ist mir bewusst, dass ich einerseits nur beschränkte Zeit für die Quellenforschung aufwenden konnte, meine Argumentationsführung deshalb aus einer Mischung von Wissen und subjektiver Wahrnehmung herrührt. Es ist mir außerdem bewusst, dass ein historischer Vergleich nur beschränkt anwendbar ist. Gleichzeitig ist es beeindruckend wie viele Übereinstimmungen es historisch zwischen dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und unserer Zeit gibt. Noch erstaunlicher ist die ähnliche Reaktion vieler bekennender Christen auf die Herausforderungen der damaligen und unserer Zeit. Die Hoffnung, dass mit einfachen und absoluten Antworten und einer klaren Schuldzuweisung an eine Volksgruppe oder einer gewissen Parteienlandschaft den komplexen Herausforderungen unserer Zeit begegnet werden kann bewirkt, dass sich viele bekennende Christen nationalistischen und populistischen Parteien und ihren Parolen hinwenden.

 

Es scheint, dass auch bekennende Christen Feindbilder brauchen um ihre eigene Identität festzumachen. In der evangelikalen Welt können das für Pfingstler nicht pfingstliche Evangelikale sein. Es gibt römisch-katholische Feindbilder, Feindbilder gegenüber den historischen Kirchen ganz allgemein oder Feindbilder gegenüber Freikirchen und Gemeinschaften. Wer einen Prügelknaben hat, muss sich mit sich selbst nicht auseinandersetzen. Mit Feindbildern versprechen sich viele Menschen Identität zu finden. Diese Tatsache bewirkt, dass wir in politischen Entwicklungen als Christen nicht primär die Frage stellen, welches Denken und Verhalten einem Reich Gottes Denken entspricht, sondern uns vor allem mit der Frage auseinandersetzen, wer mehr Übereinstimmung mit unseren persönlichen, meist moral-ethischen Überzeugungen äussert. Dabei geht es uns mehr um die Äußerungen als um die spätere Praxis oder Umsetzung dieser Menschen oder Parteien.

 

So vieles erinnert heute an die Zeit der Weimarer Republik. Die wirtschaftlichen Entwicklungen sind unsicher, man spricht davon, dass die jüngere Generation wohl keine oder nur wenig Rente bekommen wird. Es herrscht eine Stimmung, dass Ungerechtigkeit das Leben bestimmt. Die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren gehört zu den größten Ängsten der Bevölkerung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Was damals die Macht der Entente, das Unrecht eines Versailler Friedens waren, ist heute der Sündenbock die Europäische Union. Was heute in der Schweiz als Classe Politique, Vertreter einer bestehenden politischen Klasse bezeichnet wird, die abgelöst werden muss, war damals in Deutschland die Weimarer Republik, die von einer jungen, lösungsorientierten Bewegung, den Kommunisten oder den Nationalsozialisten abgelöst werden sollte. Die Flüchtlingsströme lösen heute große Ängste aus. Es ist die Angst vor dem Verlust der Identität und der Sicherheit. Die wachsende Globalisierung heute und die Digitalisierung bedrohen Arbeitsplätze. Diesen Herausforderungen muss entgegengewirkt werden. Damals war es die Tatsache, dass dem jüdischen Volk eine Konzentration von wirtschaftlicher Kraft, Manipulation der Finanzwelt und Gestaltung der Kultur vorgeworfen wurde und die ganze damalige Welt diesem Feindbild „Die Juden“ Raum gab, was letztlich zu einer von niemandem verhinderten Judenverfolgung und der Schoa führte. Im weitesten Sinne an dieses Verhalten erinnernde Reaktionen werden heute muslimischen Menschen entgegengebracht. Mit nationalistischen und populistischen Aussagen wird vor der Islamisierung des Westens gewarnt, werden Muslime politisch bekämpft. Bekennende Christen sehen in der Migration nicht primär die Chance des Teilens ihres Glaubens mit diesen Menschen, sondern die Bedrohung ihres eigenen Glaubens und ihrer Kultur.

 

Die Täter und Verantwortlichen für die vielfaltigen Herausforderungen sind schnell gefunden: es sind Muslime, Ausländer, die EU und altgediente politische Parteien. Die Staaten – so diese populistischen, nationalistischen Stimmen – brauchen politische Veränderung, welche ihre Gruppen und Parteien mit ihren einfachen Lösungsansätzen bringen und auch bekennenden Christen Hoffnung verleihen.

 

Sie gehen meistens nach dem gleichen Muster vor: sie vereinfachen komplexe Probleme; sie geben leicht verständliche Lösungsvorschläge; sie schaffen Feindbilder; sie nehmen es mit den Fakten nicht so genau; sie beschuldigen immer wieder die gleichen Personen; sie geben sich häufig religiös; sie geben vor, die Kultur eines Landes zu beschützen und sagen, sie würden die Werte und die Geschichte des Landes vor Ausländern, Andersgläubigen oder einer Macht von Außen (z.B. der EU) bewahren. Die Wortwahl ist meistens mehr oder weniger aggressiv. Das Sendungsbewusstsein nicht selten messianisch. Sie verstehen sich als Retter der Nation, einer Nation, die von allen anderen Parteien, von der EU und von Ausländern bedroht ist.

 

Das Vorgehen ist wohl einfach erkennbar, es schmeichelt der Volksseele und es ist verständlich, dass viele Menschen sich von diesen vereinfachten Darstellungen nur zu leicht täuschen lassen. Es ist aber nur schwer nachvollziehbar, dass sich bekennende Christen auf die Propaganda und Verführung von Populisten und Nationalisten einlassen. Noch schlimmer ist, dass das oft unmoralische Verhalten, entwertende Aussagen über Ausländer, Volksgruppen oder über das andere Geschlecht entschuldigt und verniedlicht werden und nicht erkannt wird, dass diese Parteien selten bis nie das Wohl des „einfachen Bürgers“ im Auge haben, sondern die eigene Macht auszubauen versuchen.

 

Es lohnt sich im Deutschen Historischen Museum in Berlin die Abteilung 3. Reich und Propaganda zu besuchen. Es finden sich dort Plakate und Propaganda, die man verwechseln könnte mit Plakaten und der Propaganda heutiger populistischer, nationalistischer Parteien und Bewegungen.

 

Von bekennenden Christen werden leider oft „übergeistliche“ Aussagen und „Prophetien“ herangezogen, die das Wohlwollen Gottes für diese Populisten und Nationalisten unterstreichen und bestätigen sollen. Es erinnert tatsächlich so vieles an die Zeit und das Ende der Weimarer Republik.

 

Welche Alternativen haben bekennende Christen?

 

Christen gleich ob mit evangelischem, römisch-katholischem oder freikirchlichem Hintergrund leben in einer anderen Realität. Es ist die Realität des Reiches Gottes. Jesus war weder Kapitalist noch Sozialist, er ist weder für rechte noch linke Positionen vereinnehmbar. Interessanterweise äußerte sich Jesus nie über die römische Besatzungsmacht oder den ungerechten Statthalter oder den König. Er war der Vertreter des Vaters im Himmel und damit des Reiches Gottes, in dem jede Form von Ungerechtigkeit überwunden ist. Durch seinen Tod und Seine Auferstehung hat Er die Tür zu diesem Reich für alle Menschen geöffnet. Christen leben in der Spannung des bereits angebrochenen Reiches Gottes, das mit dem ersten Kommen Jesu Christi seinen Anfang nahm und der Erfüllung des Reiches Gottes bei Seiner Wiederkunft. In dieser „spannenden“ Zeit, also der Spannung zwischen dem angebrochenen und noch nicht erfüllten Gottesreich leben wir. *Dr. Felix Christ, ein Assistent von Prof. Oscar Cullmann schlug den Begriff Taseologie, für den theologischen Ansatz von Cullmanns Reich Gottes Gedanken, dem Gedankenansatz der Spannung anstelle einer einfachen Lehre über die Endzeit (Eschatologie) vor. Wir leben in dieser Spannung, was bedeutet, dass wir als „Nicht“-Bürger dieser Welt (Heb. 13,14), wie die Bibel sagt, die Werte, Anliegen, das Denken des Reiches Gottes in dieser Welt in einer dienenden, nicht herrschenden Weise vertreten. Wir warten nicht einfach auf das Ende und geben uns auch der „bösen“ Zeit nicht einfach hin, sondern wir vertreten in allen Bereichen menschlichen Lebens das Reich Gottes nach bestem Wissen und Gewissen und damit das, was wir als den Willen Gottes zu erkennen in der Lage sind. Wir suchen in unserer Meinungsbildung nicht den größtmöglichen gleichen Nenner in der Politik, in Wirtschaft oder Gesellschaft, sondern bleiben König Jesus verpflichtet. Oscar Cullmann schreibt über die Auswirkungen dieses heilgeschichtlichen Verständnisses des Reiches Gottes auf die Ethik folgendes:

 

„Unser heilsgeschichtliches Verständnis muss uns davor bewahren, zwei falsche Folgerungen aus der Tatsache zu ziehen, dass der Rahmen {die „säkulare“ Geschichte oder wenn Sie so wollen: die böse Welt} Gott gewollt ist. Einerseits dürfen wir uns nicht verleiten lassen, unsere Normen dem Rahmen, statt der schmalen Linie {im Sinne des oben beschriebenen Reiches Gottes} zu entnehmen; denn auf den Rahmen müssen diese Normen ja gerade angewendet werden. Andererseits darf auf keinen Fall unser Wissen um das „Noch nicht“ oder gar um das Einbeziehen der menschlichen Sünde in Gottes Heilsplan zum Vorwand für ethische Kompromisse werden. Vielmehr muss all unser Handeln vom „Schon“ inspiriert sein, vom „Schon“ des in Christus vorweggenommenen Endes. Das mit dem Wissen um dieses „Schon“ verbundene Wissen um das „Noch nicht“ kann sich ethisch nur so auswirken, dass es unser Bewusstsein stärkt, in abgeleiteter Weise Mitarbeiter an der Ausführung des heilsgeschichtlichen Planes zu sein, und dass es von daher unsere ethischen Entscheidungen mitprägt.“ In: Oscar Cullmann. Heil als Geschichte. 312.

 

Nach diesem Verständnis, muss uns bei allen Themen des Lebens, sei es persönlich, wirtschaftlich oder politisch, das kommende Reich Gottes zur Richtschnur unserer Meinungsbildung werden. Ich glaube, dass die Orientierung am Reich Gottes dem Christen hilft, zu den meisten heutigen sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Positionen eine differenzierte und jesusmässige Sicht zu gewinnen und den Versuchungen der nationalistischen und populistischen Strömungen zu widerstehen.

 

Ich nehme drei aktuelle Themen auf:

 

1) Flüchtlings- und Ausländerfrage:

 

Eine der radikalsten Auswirkungen des Evangeliums war, dass nun auch sogenannte Heiden Zugang zu den Verheißungen des Volkes Israels erhielten. Die Spitze dieser Entwicklung erkennen wir in einer Aussage Paulus im Galater 3,28:

 

Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.

 

In den frühen christlichen Gemeinden führte dies zu vielerlei Konflikten, wie man etwa an der Frage der Beschneidung, oder der Tischgemeinschaft sieht. Die zahlreichen Briefe von Paulus, die entsprechende Themen behandeln, zeigen, wie wichtig die Frage dieser neuen Einheit für das frühe Christentum war. Um was es mir hier geht: Die abgrenzende Identifikation der jüdischen Gläubigen gegenüber Heiden war damit beendet. Fortan galten alle als potentielle Brüder und Schwestern.

 

Das Feindesliebegebot erledigte zudem jegliche polemische Dämonisierung von Menschengruppen. Selbst den verhassten Besatzern, die das jüdische Volk drangsalierten, den Römern, sollte in Liebe begegnet werden, um sie so möglicherweise als Geschwister zu gewinnen. Und auch das Feindbild gegenüber den häretischen Samaritanern zerstörte Jesus. Mit seinem liebenden und barmherzigen Umgang gegenüber Ausgegrenzten und Außenstehenden und seinen damit verbundenen Lehren, brachte er die Verheißung an Abraham, einen Segen für die Völker zu sein, zur praktischen Verwirklichung, der wir nachstreben können. So finden in der Nachfolge Christi die Forderungen aus 3. Mose 19,33 ihre Verwirklichung:

 

Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.
Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.

 

Die praktische Barmherzigkeit die Jesus als Vorbild lebte, wurde in die Gewohnheiten der frühen Christen aufgenommen. Im vierten Jahrhundert wird sie gar von Kaiser Julian erwähnt. Dieser wollte das unter seinem Vorgänger Konstantinus privilegierte Christentum zurückdrängen und setze sich für eine Renaissance römisch-griechischer Kulte oder dem Hellenismus ein. Er setzte kaiserliche Mittel dafür ein, dass die hellenischen Tempel zum Ort der Versorgung für Fremde und Arme würden. In einem Brief an einen heidnischen Oberpriester beschwerte er sich darüber, dass die „hellenische Sache“ nicht richtig vorankomme. Er tadelt die hellenischen Priester dafür, dass sie sich punkto Menschenliebe von den Christen den Rang ablaufen lassen, welche sich durch ihre Wohltätigkeit beliebt machten:

 

Es ist eine Schmach, wenn von den Juden nicht ein einziger um Unterstützung nachsuchen muss, während die gottlosen Galiläer [die Christen] neben den ihrigen auch noch die unsrigen ernähren, die unsrigen von unserer Seite aber offenbar Hilfe entbehren müssen. (...)
In: Weis, Berthold (ed.): Julian Briefe. München 1973. Brief 39.

 

In weiteren Briefen beschwerte sich Julian darüber, dass sich das Christentum nur ausbreiten konnte, weil die Christen sich so liebevoll um Fremde gekümmert hätten und jede Gelegenheit zur Wohltätigkeit genutzt hätten:

 

Da es nämlich, so meine ich, dahin gekommen ist, dass die Armen von unseren Priestern unbeachtet blieben und vernachlässigt wurden, haben die gottlosen Galiläer (= Christen), die das bemerkten, sich auf diese Praxis der Menschenliebe verlegt (...) mit ihrer sogenannten Agape, ihrer Gastlichkeit, ihrem Tafeldienst (...) verführen sie viele zur Abkehr von den (hellenischen)Göttern.

 

In: Weis, Berthold (ed.): Julian Briefe. München 1973. Brief 48.

 

Als Bürger des Reiches Gottes, die in der Nachfolge Jesus stehen, können wir in Menschen aus anderen Kulturen und Menschen die vor Krieg und Terror geflüchtet sind keine Feinde und Sündenböcke sehen. Vielmehr hält uns das Rechnen mit dem Hereinbrechen des Reiches Gottes dazu an, in der Begegnung mit ihnen eine Gelegenheit zur Wohltätigkeit zu sehen und durch unser Verhalten ihnen gegenüber das Reich Gottes sichtbar zu machen.

 

2) Armuts- und Arbeitsplatzfrage:

 

Für Jesus war klar, dass Gott der Versorger schlechthin ist. Er lehrte seine Nachfolger konsequent, sich keine Sorgen zu machen. Die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Felde sollen uns darin Vorbild sein. Jesus lebte und predigte eine Ökonomie der Grosszügigkeit. Die Wirkung seines freigiebigen Umgangs mit Vergebung und Lehre, aber auch mit Nahrung und Zuwendung findet in den summarischen Aussagen über die junge Gemeinschaft von Jesusnachfolgern in der Apostelgeschichte 2,44-47 ihren praktischen Ausdruck:

 

„Alle, die an Jesus glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren. Einmütig und mit großer Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen. Außerdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen und das Mahl des Herrn zu feiern, und ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt. Sie priesen Gott bei allem, was sie taten, und standen beim ganzen Volk in hohem Ansehen. Und jeden Tag rettete der Herr weitere Menschen, sodass die Gemeinde immer größer wurde.“

 

In der Ökonomie der Grosszügigkeit, die dem Wesen des Vaters entspringt und die das Reich Gottes auszeichnet, braucht sich niemand vor Armut zu fürchten. Meine Privilegien werden mir als Nachfolger Jesu zur Verantwortung gegenüber meinem Nächsten, der in Not geraten ist. Damit wird an meinem Verhalten die Logik des Reich Gottes zeichenhaft sichtbar. Wo wir auf diese Weise bereit sind zu teilen, da haben wir und die Menschen um uns herum immer genug. Die Frage der Armut ist somit mehr eine Frage des Teilens, als des Habens. Als Nachfolger Jesu und Bürger des Reiches Gottes, können wir diese Realität des Überflusses der Versorgung Gottes in die Welt hineintragen, Licht und Salz sein. Dabei geht es nicht darum wieviel wir haben, sondern wieviel wir bereit sind zu teilen. So können wir in einer Welt, in der Mangel herrscht, weil jeder nur für sich schaut, durch die Bereitschaft zu teilen die Logik des Reiches Gottes sichtbar und damit für Menschen greifbar machen.

 

Dass mit der zunehmenden Digitalisierung Verunsicherung über die Arbeitssituation aufkommt, ist verständlich. Hier braucht es weise und innovative Ansätze, diese Herausforderung auf Ebene der Politik und Wirtschaft zu meistern. Was aber im Reich Gottes keinen Platz hat, ist, solche Unsicherheiten zusätzlich zu schüren und sich der Furcht der Leute zu bedienen, um die eigenen politischen Interessen voran zu bringen. Die Orientierung am Reich Gottes und damit auch an der Liebe Gottes, stellt Furcht als Mittel der politischen Meinungsbildung stark in Frage. Vollkommene Liebe treibt jede Furcht aus. Das heißt nicht, dass man sich als Nachfolger Jesu nicht fürchten darf. Es heißt aber, dass man diese Furcht nicht zur Grundlage für die eigene Meinungsbildung machen sollte.

 

Durch die Brille der Spannung des einbrechenden aber noch nicht vollendeten Reiches Gottes gesehen, ist zudem das Wohl aller Menschen in den Blick zu nehmen und nicht bloß jenes des eigenen Volkes. Das macht die Frage der Arbeitsplätze zwar nur noch komplizierter, es schützt aber vor zu einfachen und bloß am Nationalwohl orientierten Lösungsvorschlägen. Letztlich erinnert es uns daran, dass wir einzig von Gott abhängig sind und nicht von einer wachsenden Wirtschaft. Unser Gott und Versorger ist nicht der Dollar, der Euro oder der Franken, nicht der SMI oder das BIP, sondern der liebende Vater im Himmel, der jeden Menschen geschaffen hat und jeden gleichermaßen liebt. In seinem realpolitischen Handeln lässt sich der bekennende Christ also nicht von Ängsten, sondern von den Verheissungen Gottes beeinflussen.

 

3) Frage des Nationalismus und von Feindbildern (wer ist der Schuldige?):

 

Einiges was ich oben zur Flüchtlings- und Ausländerfrage beschrieben habe, ließe sich auch hier anfügen. Was mir an dieser Stelle zentral erscheint ist dies: Die Ausrichtung am „schon jetzt“ des Reiches Gottes führt uns dazu, dass wir unsere Identität nicht primär als Schweizer, Deutsche, oder Europäer definieren, sondern als Bürger des kommenden Reiches Gottes. Für den Autor des 1. Petrusbriefes bedeutet dies auch, dass wir uns trotz der gefallenen Welt um uns herum nach den Normen des Reiches Gottes zu verhalten haben. Wir lesen im 1. Petrusbrief 2,11-12:

 

Liebe Freunde, ihr seid nur Gäste und Fremde in dieser Welt. Deshalb ermahne ich euch, den selbstsüchtigen Wünschen der menschlichen Natur nicht nachzugeben, denn sie führen einen Krieg gegen eure Seele. Ihr lebt unter Menschen, die Gott nicht kennen. Führt darum ein vorbildliches Leben! Sie mögen euch zwar verleumden und als Übeltäter hinstellen, doch wenn sie all das Gute sehen, das ihr tut, lassen sie sich vielleicht eines Besseren belehren und werden das dann zur Ehre Gottes auch anerkennen, wenn er am Tag des Gerichts Rechenschaft von ihnen fordert.

 

Der Autor betont hier, dass die Adressaten nur Gäste und Fremde in dieser Welt seien. Er erinnert sie damit daran, dass ihre primäre Identität nicht von dieser Welt abgeleitet werden sollte. Gleiches betont der Autor des Epheserbriefes in Eph 2,19:

 

Ihr seid jetzt also nicht länger Fremde ohne Bürgerrecht, sondern seid – zusammen mit allen anderen, die zu seinem heiligen Volk gehören – Bürger des Himmels; ihr gehört zu Gottes Haus, zu Gottes Familie.

 

Jede Form des Nationalismus stellt eine Identifikation, die - um mit Cullmann zu sprechen - dem Rahmen entspringt und nicht dem kommenden Reich Gottes. Dabei dürfen Patriotismus und Nationalismus nicht verwechselt werden. Auch ich freue mich, wenn die Schweizer Nati ein Spiel gewinnt, esse gerne Schabziger und Cervelat und höre sogar Schwiitzerörgeli gerne. Ich mache diesen Patriotismus aber nicht zum Zentrum meiner politischen Meinung oder meiner Weltanschauung. Das Ideal, auf das ich hinstrebe, das ich zum Gradmesser meiner Meinung, Haltung und meinem Verhalten mache, ist das Reich Gottes.

 

An dieser Stelle möchte ich noch einen Gedanken von weiter oben präzisieren: Die Juden zur Zeit Jesu hatten eine bestimmte Vorstellung, was der kommende Messias dereinst tun werde. Nämlich die Römer vertreiben und das Reich Davids als politische Größe re-etablieren und damit für Frieden und Ordnung für die Juden sorgen. Jesus von Nazareth passte so gar nicht in dieses Schema der jüdischen Erwartungen. Er machte klar, dass der eigentliche Feind nicht die Römer sind, sondern Sünde und Tod oder mit anderen Worten die Gottferne des Menschen.

 

Daran wird deutlich, dass das aus der Perspektive des Reiches Gottes Menschen, Volksgruppen oder Menschen anderen Glaubens nie als Feinde gesehen werden können. Denn diese sind immer geliebte Geschöpfe Gottes, denen wir als Nachfolger Jesu, die uns am Reich Gottes orientieren, liebende Zuwendung schulden.

 

Durch die Brille des Reiches Gottes sehen wir in den Herausforderungen unserer Zeit also nie sich anbahnende Katastrophen und das drohende Weltende, sondern Leben in der Hoffnung auf das Hereinbrechen des Reiches Gottes: wir sehen in Menschen, die geflüchtet sind, oder aus einer anderen Kultur stammen, nicht eine Bedrohung, sondern die Gelegenheit zur Wohltätigkeit und zum Zeugnis.

 

Wir sehen in der unsicheren wirtschaftlichen Situation nicht Grund die eigenen wirtschaftlichen Interessen zu sichern, sondern die Versorgung Gottes, die er durch uns anderen zugänglich machen will.

 

Wir sehen uns nicht zuerst als Deutsche, Schweizer oder Österreicher sondern als Bürger und Erben des hereinbrechenden Reiches Gottes.

 

Die Orientierung am Reich Gottes bewahrt uns davor ohnmächtig zu werden und hilft uns, in unserer Haltung, unserem Denken und unserem Handeln von Glaube, Hoffnung und Liebe geprägt zu sein.

 

 

Berlin, den 1.1.2017